Wearables – warum eigentlich?

14. April 2015 von Autor/in: Jens  - 

  

Bis vor gut drei oder vier Jahren habe ich regelmäßig versucht, die Apple-Events zu Produkt-Vorstellungen so live wie möglich über digitale Medien zu verfolgen. Inzwischen ist das nur noch ganz selten der Fall. Die neue Apple Watch interessierte mich dann doch.

Mein digitales Arbeitsumfeld ist komplett auf Apple-Produkte ausgelegt. Oft sind sie nicht mehr die aktuellste Generation, aber sie sind eben alle vom kalifornischen Hersteller aus chinesischer Produktion. Und so wollte ich auch wissen, was es mit der Uhr auf sich haben wird.

Mich erstaunte zuerst die intensive Präsentation, die im Netz mit einem ausgefeilten Live-Stream, einem sehr attraktiv aufgesetzten Live-Blog und verdammt hochwertig aussehenden Präsentationsvideos sicherlich einen neuen Maßstab von Liveberichterstattung aus Sicht eines Unternehmens aufgezeigt haben dürfte.

Inzwischen weiß ich doch einiges über die Uhr und die sehr informative Apple Watch Review von Nilay Patel hat dazu sehr viel beigtragen. Die Uhr wird also nicht ohne mein iPhone wirklich vollwertig funktionieren. Das irritiert mich. Bin ich doch anfangs davon ausgegangen, dass die Uhr eine eigene Sim-Karte in sich tragen würde. Letztendlich ist sie so nur eine Art Anhängsel, die mir Zugang zu Informationen über mein Smartphone geben kann. Das überzeugt mich aktuell noch nicht.

Allerdings gibt es einen noch viel wichtigeren Punkt, der mich davon abhält ein Wearable, wie diese Uhr zu kaufen. Ich möchte nicht permanent getrackt und vermessen werden. Dabei geht es mir in erster Linie noch gar nicht um Datenschutz, sondern um die Punkt der Entspanntheit. Ich habe Bammel davor, ständig Informationen über meine Vitalwerte zu erhalten. Was ist, wenn sie sich als problematisch herausstellen? Renne ich dann nur noch zu Ärzten? Will ich das?

Ich bin noch nicht ganz 40 Jahre alt. Da muss ich natürlich über Vorsorge nachdenken. Das ist aber etwas anderes, als eine dauerhafte Überwachung meiner Körperfunktionen mitlaufen zu lassen. Ich möchte einfach Mensch sein und in Ruhe leben. Wenn das nicht so lang sein sollte, wie es anderen Menschen beschieden ist, dann wäre das doof. Andererseits möchte ich mir nicht meine Lebensweise von einem technischen Gerät tracken und später vielleicht auch vorhalten lassen.

Insofern ist meine aktuelle Einstellung zu Wearables bzw. deren Services eher ablehnend. Zum Einen fehlt mir der Mehrwert jenseits eines Smartphones und zum Anderen will ich die persönliche Datenaufzeichnung nicht.

On Topp kommt dann noch das Thema Datenschutz. Wer bekommt meine Daten? Apple? Verkauft Apple oder ein App-Anbieter meine Daten personalisiert an meine Versicherungen oder Krankenkasse? Habe ich überhaupt noch eine Hoheit über meine Daten?

Das sind teilweise sicherlich sehr kritische Fragen. Apple & Co können die dahinter stehenden Bedenken im Moment womöglich entkräften. Für die Zukunft ist das vermutlich nicht der Fall. Denn Daten sind das neue Öl. Um das alte, fossile Öl wurden und werden immer wieder Kriege geführt. Warum sollte es – sicherlich mit anderen Mitteln – nicht auch Kriege um digitales Öl geben? Die Vergangenheit lehrt mich, die meisten Opfer gibt es unter den ZivilistInnen. Im digitalen Zeitalter sind die ZivilistInnen sicherlich die KonsumentInnen und damit NutzerInnen von Wearables, Smartphones, Social Networks und Co.

Deshalb werde ich trotzdem nicht aus der digitalen Welt aussteigen. Aber im Verhältnis zu vor nur wenigen Jahren, gehe ich immer vorsichtiger mit meiner digitalen Identität um – auch wenn mir das nur in Teilen gelingen wird.

 

 

 

Ein kleines Stück Entdigitalisierung?

12. April 2015 von Autor/in: Jens  - 

  

Über die Jahre haben meine Herzensdame und ich unsere Print-Abos abbestellt und bisher nicht durch konsequente Umwandlung in digitale Abos kompensiert. Selbst das teildigitale Abo von Lovefilm haben wir nicht in ein Amazon-Prime-Account umgemünzt, sondern komplett darauf verzichtet.

Bisher habe ich das nicht als wirklichen Verlust wahrgenommen. Dachte ich zumindest. Denn in den vergangenen Wochen kam es öfter vor, dass ich mir eine regionale Wochenend-Zeitung gewünscht habe. Meine Herzensdame möchte inzwischen gern die vierteljährlichen Sonderausgaben einer bestimmten Zeitschrift abonnieren und für unser größeres Kind hat sie ebenfalls ein Abo vorgeschlagen.

Ich bin ein ehemaliger Printler, hab ich doch meinen Weg in die Medien mit einer Ausbildung beim Axel Springer Verlag in Berlin begonnen. Später sammelte ich viele Jahre Erstausgaben von deutschen Magazinen. Ich liebe gutes Papier, ob ich meiner absurden Kunst nachgehe oder Magazine lese und betrachte.

Und trotzdem verdiene ich seit dem Jahr 2000 meinen Lebensunterhalt zum überwiegenden Teil mit dem digitalen Publizieren. Mein persönlicher Medienkonsum entwickelte sich seit der Jahrtausendwende ebenfalls weiter in Richtung digitaler Inhalte. Und so stehe ich, aber auch meine Herzensdame, inzwischen ohne Printabo da.

Unter der Woche sehe ich darin auch keinen Nachteil. Am Wochenende würde ich mich aber dann doch über eine analoge Postille im Briefkasten freuen. Zum Frühstück eine Zeitung. Eine Wochenend-Ausgabe, die mich retrospektiv über die wichtigen Themen der Woche mit tiefergehenden Berichten über die Hintergründe von Nachrichten aufklärt. Eine Zeitung, die mir Berlin wieder etwas näher bringt. So daß ich über die regionale Politik, Wirtschaft und Kultur auf dem Laufenden bleiben kann.

Früher hatten wir dafür die Taz. Eventuell wird sie es wieder werden, meine Wochenend-Zeitung. An den kommenden Wochenenden werde ich jedoch die Wochenend-Ausgaben der verschiedenen Berliner Tageszeitungen ausprobieren. Denn meine Ansprüche sind im Moment noch etwas diffus, da ich keines der Blätter bisher beurteilen kann.

Meine Herzensdame wird also bis zu vier Printausgaben einer Zeitschrift abonnieren. Unser Kind bekommt dann 14-tägig ein Magazin und kaufe mir eine Wochenend-Ausgabe. Alles Print.

Warum eigentlich?

Ich habe versucht, meinen recht spärlichen Buchkonsum der letzten Jahre mit einem Kindle anzukurbeln. Es hat nicht geklappt. Ein eBook, das ich gekauft habe und unbedingt lesen wollte, werde ich mir nun als Paperback nachkaufen und vermutlich schneller lesen.

Auf meinem iPad kann ich keine längeren Texte lesen. Das macht mir einfach keine Freude. Eine sinnvolle Berliner Onlinepublikation habe ich bisher nicht gefunden, die mich nach oben beschriebenem Muster gut informiert. Meine Herzensdame und unser größeres Kind lesen beide noch ausführlich auf Papier. Gemeinsam lieben sie die Besuche in der Bücherei.

Meine persönlichen Gründe für Print sind dabei recht banal. Ich möchte es entspannter, ruhiger und mit dem gemütlichen Rascheln von Papier. Und Papier gab mir bisher immer ein Gefühl von Endlichkeit. Habe ich ein Buch, ein Magazin oder eine Zeitung bis zum Ende gelesen, war da eben auch ein Ende. Meine partielle Entdigitalisierung soll mir also etwas Ruhe zurückbringen. Auch wenn ich noch gar nicht einschätzen kann, ob eine Wochenend-Zeitung dieses Bedürfnis befriedigt. Ein Versuch wird es zeigen und ich werde vielleicht darüber berichten.

Wie sieht es bei euch mit dem analogen Lesekonsum aus? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren.

Vessel, braucht es das noch ein neues Videoportal?

11. April 2015 von Autor/in: Jens  - 

vessel.com ist ein neues Videoportal für – naja ich würde mal sagen – mobile Endgeräte. Ich bin tatsächlich ganz simpel über einen Instagram-Videopost der amerikanischen Talkshow-Moderatorin Ellen DeGeneres darauf aufmerksam geworden. Sie warb damit, dass man über eine Anmeldung über ihren Link das erste Jahr kostenlos nutzen könnte. Das hab ich doch glatt mal genutzt, so for free.

Ich habe mich über den Desktop registriert und dann die App für mein iPhone installiert, um mir das ganze Ding mal von innen anzuschauen. Die Menüführung beim ersten Einstieg erinnert an soziale Netzwerke, wie Twitter. Man bekommt eine Vorauswahl und soll gleich ein paar Themen und VideomacherInnen folgen.

Letztendlich sieht es so aus, als würde Vessel auf der Youtube-Welle schwimmen. Denn die Video-Inhalte wirken nach dem ersten Schauen zwar recht hochwertig, aber ich würde mich nicht wundern, wenn ich sie auch über Youtube finden würde. Einen kurzen Check später bestätigt sich die Vermutung gerade, denn die wirklich fein gemachte Apple Watch Review von Nilay Patel für theverge.com finde ich natürlich auch auf Youtube bzw. auf der Webseite des Onlinemags selbst.

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Was kann mir also Vessel wirklich bieten, und das auch noch kostenpflichtig? Im ersten Schritt vermutlich nicht viel. Genau deshalb wird das Marketingteam vermutlich auch Celebrities wie Ellen DeGeneres einsetzen, um die Werbetrommel für ein erstes kostenloses Jahr zu rühren. So erspart mir Vessel also nur das unübersichtliche Überangebot von Youtube, wo ich eh kaum etwas finde. Vielleicht weil ich mit knapp 39 immer noch Bewegtbild gern serviert bekomme, anstatt danach zu suchen.

Zukünftig könnte es also interessant sein, ob Vessel nur ein Filter oder Destillator für andere Videoportale, wie Youtube und Vimeo, sein wird. Oder ob sich das Unternehmen auch eigene ContentlieferantInnen aufbaut und entwickelt. Für mich wäre meine eigene Faulheit, nach gutem Content zu suchen, ausreichend genug, um vielleicht im zweiten Jahr einen gewissen Geldbetrag für diesen Video-On-Demand-Service zu bezahlen.

Ruhe in Frieden, Bernte!

9. April 2015 von Autor/in: Jens  - 

  An einem Dienstag im März hat sich Bernd das Leben genommen. Er war ein paar Jahre älter als ich. Er muss so kurz vor der Mitte 40 gestanden haben. Bernd war der Punkerladen-Besitzer, der an der Ecke Rigaer- und Samariterstraße eines der letzten Überbleibsel eines längt vergangenen Berlins war.

Um uns herum gentrifizierte der Friedrichshainer Kiez. Bernte betrieb trotzdem seinen Laden, organisierte Punkkonzerte, unterstützte Punkbands als Labelmacher und trat manchmal wohl noch selbst als Sänger von Punkbands auf. Mich verbinden zwei kleine Geschichten mit Bernd über ungefähr 20 Jahre. Beide sind die Brücken zwischen einem Spießer, wie mir, und einem der Mann, der für mich Punk als alternative Lebenseinstellung vertrat.

Wann Bernd und ich uns genau kennen lernten, weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls bewegten wir uns in der gleichen Jugendkultur in Berlin-Treptow. Meine Homebase war das “Audio“. Das ist heute noch ein Café in einem großen Jugendzentrum. Viele Freunde und ich bauten es seit 1994 auf. Im “Audio” veranstalteten wir damals immer wieder Session-Abende mit Musikern und so müssen sich Bernd und ich über den Weg gelaufen sein. Er war der Punkrocksänger, ich der Indiepop-DJ. Wir verstanden uns, ohne enge Freunde zu werden.

Im Jahr 2000 gaben Die Toten Hosen und Die Ärzte einige Geheimkonzerte. In Berlin sollten beide Bands im SO36 auftreten. Meine ehemalige Freundin hatte über den Ärzte-Fanclub zwei Karten für einen echt schmalen Preis geschossen.

Wer das SO36 in Berlin-Kreuzberg kennt, weiß wie unpassend der Laden für diese beiden großen Bands eigentlich war. Zumindest wenn man an die Tickets denkt. Es gab viel zu wenige und ich war glücklich, eine Karte zu besitzen. Bernte hatte ich im “Audio” von meinem Glück erzählt und er fragte mich, ob ich ihm mein Ticket für zwei Tage leihen würde. Ich vertraute ihm, also bekam er meine Karte.

Zwei Tage später stand er grinsend vor mir. Er zeigte mir ZWEI Karten und fragte mich, welche davon wohl mir gehören würde. Ich konnte es nur anhand eines klitzekleinen Schnittfehlers vermuten. Bernd hatte für sich und seine Freunde insgesamt 7 Tickets angefertigt. Jahre später erzählte er mir, wie er fieberhaft das Material zusammengesucht hatte, um Originalkarten mit Prägung nachzuahmen. Er hatte es geschafft und dabei mehr als den dreifachen Preis pro Karte aufwenden müssen.

Am Abend des Minifestivals trafen wir uns durch Zufall direkt am Einlaß des SO36. Wir zeigten unsere Karten vor und konnte beide passieren. Ich erinnere mich noch an unser fettes Grinsen.

Während des Gigs verloren wir uns aus den Augen. Doch zum Schluss des Hosen-Auftritts stand da plötzlich Bernte auf der Bühne, Arm in Arm mit Campino und gröllte den letzte Song. Mit gefälschtem Ticket bis auf die Bühne – das konnte nur Bernte schaffen.

Ein paar Jahre später ergab es sich, dass ich für die Platten- und Bookingfirma der Toten Hosen arbeitete. Ich war für ein paar Jahre der Tourmanager der Ohrbooten, einer Berliner Band, die bei den Hosen unter Vertrag stand. Und wieder ein paar Jahre später, die Ohrbooten waren schon nicht mehr bei den Hosen, wurde Bernte der neue Merchandiser der Ohrbooten. Er baute einen neuen Online-Shop für die  Kombo auf, kümmerte sich um Entwicklung und Vertrieb, war auf Touren mit einem ausgefeilten Merch-Stand dabei.

2013, ich war schon längst nicht mehr der Tourmanager der Ohrbooten, lud mich die Band ein, doch wieder mal für ein Wochenende in den Tourbus zu steigen. Einfach als Freund mitfahren. Und da ergab es sich, dass Bernd an einem Wochenende nicht als Merch-Mann mitfahren konnte. Ich wollte seinen Job übernehmen und ließ mir sein wirklich extrem fein ausgefeiltes Konzept erklären. Ich habe binnen zwei Stunden Gespräch so viel mehr über Fankultur gelernt, wie sonst nirgendwo. Und das, obwohl ich ja jahrelang selbst dabei war.

Ich habe Bernd hoffentlich würdig auf dem Tourwochenende vertreten. Zuerst spielten die Jungs auf einem kleinen Festival im Saarland, danach auf ganz großer Bühne auf dem Chiemsee-Reggae. Ich hatte eine wunderbare Zeit und war Bernd seitdem sehr dankbar.

In den letzten beiden Jahren lief ich fast täglich an seinem Laden vorbei, wir grüßten uns. Manchmal verhakelten wir uns in einem Gespräch über Musik, neue und alte Punkkultur oder endeten in kleinen gesellschaftspolitischen Debatten. Da kam ich dann schon mal eine Stunde später nach hause als gedacht.

Ende April wird Bernd nun beerdigt und ich finde hoffentlich die Zeit, ihm anständig “Good bye” zu sagen. Seiner Familie, seinen engen FreundInnen und KollegInnen wünsche an dieser Stelle einfach nur ganz viel Kraft.

RDGLDGRN – Doing the Most (Official Music Video)

23. März 2015 von Autor/in: Jens  - 
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Das Video hab ich heute durch einen Hinweis von Johnny Haeusler auf Facebook aufgeschnappt. Die Kombo spielt morgen, Dienstag, in der Berghain Kantine.

Aber zurück zum Video. In dem Moment, in dem ich wusste, wer da die Drums eingedremmelt hatte, kam es mir vor, als würde ich den Drum-Stil auch erkennen. Ich, der gar kein Instrument spielen kann. ;-)

Aber wie krieg ich nun raus, wie man die Band ausspricht?

Ich sage ja zu deutscher Synchronisation

9. März 2015 von Autor/in: Jens  - 

Ich lese die Beiträge von Felix Schwenzel alias diplix sehr gern und viel. Ich folge ihm auf Twitter, Instagram, irgendwie auch auf Facebook, denn ich mag seine Art Themen zu reflektieren. In 99,98898 Prozent der Fälle nicke ich innerlich nur kurz und zustimmend, wenn ich irgendein digitales Schnippselchen von ihm gelesen oder gesehen habe. Ich gebe zu, manchmal bekommt er sogar Likes, Shares oder irgendeines dieser digitalen Zuckerli von mir.

HEUTE aber muss ich mal Widerspruch anbringen und weil es da noch ein fast vergessenes eigenes Blog gibt, mache ich das hier. Felix Schwenzel hält deutsche Synchronisation für Quatsch – soweit will ich seine steile These verkürzen. Er bezieht sich auf ein Studienergebnis und sieht sich dadurch in seiner Meinung bestärkt. MC Schwenzel geht noch einen Schritt weiter, in dem er deutsche Synchronisation für eine Unsitte und einen Eingriff in die künstlerische Freiheit hält. Große Worte. Punkt. (Große Worte, die man hier nachlesen kann >>)

ICH finde diese Attitüde borniert. Nicht nur die von Mr. Schwenzel, sondern von all den SchlaumeierInnen, die immer wieder herummeinen müssen, die deutschen Synchronisationen von TV- und Kinoinhalten wären ja Mist – oder noch besser – generell alle Menschen wären dumm, weil sie die Serien oder Filme in deutschen Fassungen anschauen. Gerade der letzte Punkt ist immer mal wieder Thema und Herumgemeine auf Parties.

Für mich ist das eine unfassbare Überheblichkeit. Eine Überheblichkeit von Menschen mit Hochschulabschluss, die nicht mehr wahrhaben wollen, dass es da draußen eine wirklich große Zahl an Menschen gibt, die dieses Privileg der hohen Bildung aus verschiedensten Gründen nicht genießen konnten oder durften. Die Beherrschung von Fremdsprachen sollte man natürlich schon in der Schule erlernen. Sollte! Die Realität sieht anders aus. Jenseits von Gymnasien sieht es da nämlich oft sogar sehr traurig aus. Englisch, Französisch oder andere Fremdsprachen sind da gern unterrepräsentiert – aus Mangel an LehrerInnen oder Interesse seitens der SchülerInnen und/oder Eltern etc.

Da stellt sich für mich die Frage: Dürfen all diese Menschen, die weniger in Fremdsprachen bewandert sind, nun nur noch deutschsprachige Formate schauen, die original hier entstanden sind? Oder ist es fair, wenn man Menschen Wissen vorenthält, weil man einen Bewegtbild-Inhalt nicht übersetzt? Denn eines vergessen die Damen und Herren ganz gerne, auch der Bereich Dokumentation und Nachrichten würde dann wohl kaum noch synchronisiert. Die Menschen würden deutlich weniger Wissen kommuniziert bekommen, weil sie schlichtweg die Sprache nicht können. Tolle Aussichten.

Die Argumentation von Felix Schwenzel zielt aber auch auf ein anderes Feld, das ich ganz schwierig finde: Würden TV- und Kinoformate nur in Originalsprache ausgestrahlt, würden die Leute schneller und besser Fremdsprachen sprechen, weil sie sie lernen müssten, um zu verstehen. Das kann man auch “runterbrechen” auf:
Jeder Mensch würde aus Zwang lernen, wenn er müsste. Entspricht für mich in etwa dem oberliberalen Ansatz einer FDP: Wenn sich jeder Mensch selbst hilft, ist Jedem geholfen. Beide Ansätze sind für mich einfach nur gemein, insbesondere gegenüber Menschen, die nicht über das entsprechende Budget, die Zeit oder den Intellekt verfügen.

Darüber hinaus bleiben all die Menschen, die deutsche Synchros für Quatsch halten auch jede Menge Zahlen schuldig. Wie sieht es denn mit nichtenglischen Inhalten in den Ländern aus, die keine Synchronisation in Landessprache haben? Es ist mindestens zu bezweifeln, dass in diesen Ländern Bewegtbild-Inhalte eine gute Chance auf Verwertung in Massenmedien haben, die in Polnisch, Russisch, Chinesisch oder auch nur Spanisch produziert wurden. Synchronisation gibt – und das wird sehr gern vergessen – viel mehr Inhalten die Möglichkeit in ausländischen Medienmärkten wahrgenommen und konsumiert zu werden.

Interessant wären auch Antworten auf die Frage: Wie sieht denn die Wahl von Fremdsprachen in der Schule aus, wenn der eigene Medienmarkt vielleicht nur englischsprachige Originale zeigt? Haben dann Kinder, die sich für andere Sprachen interessieren, eine reale Chance, diese Sprachen auch zu erlernen, wenn es viel mehr Nachfrage nach der EINEN Fremdsprache gibt?

Letztendlich gibt es unzählige Fragen, die man stellen kann. Fazit für mich ist, ich schaue, höre und lese Inhalte in deutscher und englischer Sprache, weil ich es kann. Weil ich das Privileg hatte, genug Bildung zu erfahren. Manchmal mag ich es, die Originalfassung zu lesen, zu hören oder zu schauen. Und dann gibt es Tage, an denen bin ich froh, wenn ich nur die deutsche Fassung konsumieren kann, ohne viel nachdenken zu müssen.

Interessanter wären allerdings für mich Lösungen, die multilinguale Angebote ermöglichen könnten. Warum kann man nicht zu jedem TV-Inhalt auch die Originalfassung anbieten? Und dann auch ZuschauerInnen konsequent auf den Originalton aufmerksam machen? Warum kann man bei Video-On-Demand nicht permanent mehrere Versionen anbieten? Warum kann Youtube nicht verschiedene Sounddateien implementieren? Und und und …

Um einen Schlusspunkt zu finden: Ja, man kann über die Qualität deutscher Synchronisationen streiten, sie abschaffen halte ich viel falsch. Die unterschwellig formulierte Forderung nach Abschaffung deutscher Synchros halte ich für eine überaus bornierte Haltung des sogenannten Bildungsbürgertums. Und ich würde mich freuen, wenn die heute zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten ausgeschöpft würden, um NutzerInnen Original- und Synchronfassungen gleichberechtigt zugänglich zu machen. Darüber hinaus bin ich natürlich voll für die Verbesserung des Fremdsprachenunterrichtes für ALLE SchülerInnen.


ps: Ja, ich kenne bzw. kannte einige Menschen, die mit deutscher Synchronisation einen Teil ihres Lebensunterhaltes verdienen.

Andreas Kümmert kümmerts nich mehr

6. März 2015 von Autor/in: Jens  - 

Gestern Abend zappte ich mich durch ein belangloses Fernsehprogramm, kurz bevor ich ein Video aus der hauseigenen Mediathek anschauen wollte. Dabei blieb ich beim deutschen ESC-Vorausscheid hängen und hatte einigen Spaß.

Da siegte ein Mann im Televoting, der so gar nicht in das Glitzerparadies Eurovision Song Contest passen wollte. Andreas Kümmert passt ganz klar auf die kleinen Bühnen des Landes. Auf die Bretter, die den Rock-n-Roll bedeuten, vielleicht. Immer ein wenig schmutzig oder sogar noch verraucht. Oder er passt auf die Bühnen der liebevoll und engagiert veranstalteten Open-Airs bei Stadtfesten oder auf kleine Campus-Festivals, deren VeranstalterInnen auch mal einen TV-Star auf ihrer Bühne haben wollen. Mit Hoodie-Jacke, kaum getrimmten Wurschtelbart und eben nicht gegelten Haaren ist er der Mann, der direkt aus dem Bild fällt – wenn er denn im falschen Rahmen platziert wurde.

Und genau das ist ihm passiert. Warum? Das weiß bisher kaum ein Mensch. Vielleicht nicht mal er selbst. Fakt ist jedenfalls, dass er sich gestern beim Vorentscheid des Eurovision Song Contests vorfand. Er sang brav seine zwei braven Songs und zog dann direkt ins Finale ein. Vermutlich schon zu diesem Zeitpunkt wollte er eigentlich vor der glamourös in Szene gesetzten Barbara Schöneberger auf die Knie gehen und sie bitten, dass ihn irgendjemand aus diesem Glitzerparadies abholen sollte. Zumindest kann man im Nachgang seinen Blick so deuten, als er erfuhr, dass er sich in die Finalrunde gesungen hatte.

Doch Andreas kümmerte sich und sang den braven Song ganz brav ein weiteres Mal. Die Zutaten waren passend: Einen Fond aus Pop als saftige Grundlage, ein wenig rockige Fleischeinlage, eine Prise Soul oben drauf und als Sättigungsbeilage einen Text, den man im “Come-In-And-Find-Out”-Deutschland auch so anbieten kann.

Und dann gewinnt er. Gegen eine Sängerin mit dem Namen Ann Sophie. Die ebenfalls einen leicht verdaulichen und Top-40-Radio kompatiblen Titel vorgetragen hatte. Andreas gewinnt gegen eine junge Frau, die schon perfekt gestylt in den Glitzerpalast ESC passte. Und die vielleicht wirklich gewinnen wollte. Warum auch nicht? Warum geht man sonst zu einem Wettbewerb?

Bei seiner Siegerehrung merkt man dem Mann seine Fassungslosigkeit sofort an. Vielleicht war er angetreten um sich ein wenig Aufmerksamkeit zu ersingen, die ihm für die Zukunft die kleinen Clubs vor den kleinen Bühnen etwas voller machen würde. Vielleicht war er davon ausgegangen, nicht ins Finale zu kommen, bei all den attraktiven Damen, wie Laing, Ann Sophie oder Alexa Feser. Und so hatte er vielleicht gar nicht darüber nachgedacht, was ein Sieg für ihn als Folgen mit sich bringen würde.

Er findet kurze knappe erste Worte und die müssen auf die ARD-Verantwortlichen gewirkt haben, wie ein Autounfall*. Crash, Boom, Bäng! Andreas will nicht nach Wien fahren und übergibt selbstverständlich seinen Sieg an die Zweitplatzierte. Punkt. Fassungslosigkeit. Punkt.

Und dann ist da eine Barbara Schöneberger, die die Situation rettet. Sie hat offenbar schnell erkannt, dass Andreas Kümmert seine Worte ernst meinte. Sie versuchte ihn nicht zu überreden, sie hakte höflich und klarstellend nach, ABER sie trieb ihn nicht in die Ecke. Ann Sophie nahm den Sieg fassungslos an. Denn jetzt wurde klar, dass sie wirklich dabei sein kann – dabei beim großen Zirkus “The Show Must Go On”. Die Stärkere setzt sich durch. Ein Gesetz, dass auch vor dem Pop nicht Halt macht.

Somit gab es vielleicht wirklich zwei Sieger. Andreas Kümmert, der sich nun nicht dem unermesslichen Druck der kommenden Wochen aussetzen muss, dem er vielleicht eh nicht gewachsen wäre. Und Ann Sophie, die vielleicht wirklich große Lust auf den Stress der kommenden Monate hat. Weil sie – vollkommen legitim – diesen Weg gehen will.

Ich persönlich hätte mich doch eher über die Teilnahme von Andreas Kümmert gefreut. Denn das Bild der deutschen Poplandschaft hätte mit seinem markanten Aussehen vielleicht ein recht positives Image im Ausland erfahren können.

Es gibt aber etwas ganz ganz feines an diesem Rückzieher von Kümmert für mich. Die Reaktion eines Teils des votenden Publikums. Schon kurz nach dem lustigen Ende der Show witterten einige Menschen Schiebung und forderten bei Facebook und Twitter ihre paar Groschen zurück, die sie kurz zuvor beim Televoting “auf den Kopp gekloppt” hatten…

… oder um es mit Worten Guido Westerwelles auf den Punkt zu bringen: “Es ist Deutschland hier.

*Danke an Dani, die diesen Vergleich auf Facebook brachte.

Antilopen Gang – Verliebt

4. März 2015 von Autor/in: Jens  - 

Der Antilopen-Gang-Bäng!

Sie kamen mit “Beate Zschäpe hört U2” – für mich – wie die schrägen Vögel aus der Asche. Und jetzt gibt es das nächste großartige Video von der Gäng. Gedreht in Hamburg und mit zahlreichen Buddys aus dem eigenen Dunstkreis.

Wer den Drehort für die Schlussszene kennt und unten in die Kommentare schreibt, gewinnt 100 Punkte fürs Karmapunktekonto. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen, der Linksweg auch. Trolle dürfen an dem Gewinnspiel nicht teilnehmen.

Her mit der kleinen Französin

2. März 2015 von Autor/in: Nic  - 

So, weil es Christine and the Queens jetzt verdientermassen auch in den SPON, die FAZ und auf tape.tv (sowieso) geschafft hat, kann ich zugeben, dass dieser schnörkellose französische Elektropop bei mir auch seit Wochen rauf und runter dudelt. Ihre Platten und Konzerttickets gehen im frankophonen Raum gerade weg wie geschnitten Brot. Wobei es mir mit Kopfhörern eher dieser “blaue” Song angetan hat: YouTube Preview Image

RB Leipzig – wo liegt eigentlich das Problem?

27. Februar 2015 von Autor/in: Jens  - 

Eines unserer Kids interessiert sich inzwischen recht brennend für Fußball und den BVB. Ich betone das, da ich selbst maximal ein wenig Fuppes spiele, wenn ich mit den Kids auf dem Spielplatz bin. Darüber hinaus bin ich nur Fan der Medienfigur Jürgen Klopp.

Jedenfalls taucht in letzter Zeit immer wieder die Diskussion um Red Bull und den RB Leipzig an den Rändern meiner Fußballwahrnehmung auf. Da mokieren sich die Menschen über den Kommerz, der beim Fuppes Einzug gehalten haben soll. Hoffenheim, Schalke, RB Leipzig tauchen als Vereinsnamen dann auf – oder zumindest schnappe ich es so auf.

Ich muss dann immer ein wenig in mich hineinschmunzeln. Denn, sind wir mal ehrlich, wo ist denn bitte vorher der Kommerz gewesen? Nicht bei Tante Fußball? Wo dann? Beim Gartenbau? In der Mittagspause? Oder bei Tante Emma im Laden?

Der gesamte Fußballzirkus hat sich – in meiner Wahrnehmung – doch schon immer um den Gott des Geldes gedreht? Nur ist es jetzt halt so viel auf einem Haufen, dass selbst Onkel Dagobert geldgeilen Schweiß auf der Stirn hätte und über Expansionspläne für seinen Geldspeicher nachdenken würde.

Money makes se wörld go round. So heißt es doch. Und wer mit den Bayern, Wolfsburgern oder Leverkusenern auf Augenhöhe mitspielen will, der muss halt eine extra große Tüte Cash mitbringen. In anderen Industriezweigen ist das ja nicht anders. Will man als Letzte/r in den Markt, hat man die höchsten Einstiegskosten oder ein wahrlich feistes und disruptives Geschäftsmodell.

Beim Fuppes bleibt also nur Geld, denn disruptiv ist das gar nix. Immer schön der Hierarchie nach. Und da muss man dann eben dicke Bündel mit Scheinchen in die Hand nehmen und einen Verein aufbauen. Läuft ja bei allen anderen Vereinen auch so, nur eben schon länger. Dortmund hat mal eine AG dafür gegründet – erinnere ich mich dunkel. Andere Vereine haben auch ihren Profifußball vom restlichen Vereinsdingens abgekoppelt, um “flexibler” zu sein. Und wieder Andere lassen dieses Vereinsding gleich weg und ballern mit dem Geld von unten bis in die oberste Liga, siehe Hoffenheim.

Jetzt macht das also auch RB Leipzig seit ein paar Jahren. Geld rein, Trainerwechsel sobald das Ziel erste Bundesliga in Gefahr ist, teure Spielerkäufe um über Liga-Niveau zu sein. Bisher klappte das wohl ganz gut. Mal sehen, wie es zum Ende der Saison aussieht. Bleibt man doch mal ein Jahr länger in der zweiten Liga oder eben nicht. Im Moment sieht alles nach einer Ehrenrunde aus.

Das ist doch spannend. Denn es zeigt ja irgendwie, dass blankes Zusammenkaufen noch kein Team macht. Hat ja bei Hoffenheim bis jetzt auch nicht zum Titel gereicht. Das System Fußballzirkus bleibt also doch etwas mit Herz, denn auch das Blut – aka Geld – kann so manchen Schnupfen nicht einfach aushalten.

tl;dr

In ein System aus Geld kann man nur noch mehr Geld stecken, wenn man schnell oben mitspielen will. Also finde ich den Weg von RB Leipzig nur ehrlich.

ps: Wichtigster Fußballblog ever: falscheneun.net >>